"Wenn dä mich frachst, ich will in andren Gopp"

Szene 1 - Auf der Straße
Zwei Frauen treffen sich am Connewitzer Kreuz (vor der Apotheke)
Giesel
Na nu ma ehrlich. Wie geht’s denn dir jetzt so mit deinem Goppe?
Regine
Ach na weste. Der Dermin beim Neurolochen hat doch nich geglabbt und deswechen mussdch erste mal zur Gasse, na zur Krankengasse und dort habsch mir Rat eingeholt. Die menen, ich solle den Neurolochen noch e ma uffsuchen, oder mir nen anderen Arzt, um doch nen schnelleren Dermin zu kriechen. Na und wenn nich, sollch och glech in de... Wie hesdes denn nu widder? Das mir immer de Wörder fehlen müssen. Kennsde denn das nu och, Giesel? Genau, in de Neuropädiadrische Ambulanz mussch sonst vorstellich werden. Na du wesd, ich bin da voller Enthusiasmus und ich lüche nich, wenn ich dass so sache.
Giesel
Scheen isses nich, was se da mit dir machen. Ehrlich Regine. Aber sache ma, hasde eichendlich immer noch de Schmerzen? Ich meene die in deinem Goppe. Du hast doch noch niche ma meine Frache beantwortet. Na die von vorhin, die ich janz am Anfang gestellt habe. Das war doch och nich nur ne Floskel.
Regine
Aber Giesel, deswechen machsch doch den ganzen Ofstand. De Migräne is nich mehr zum aushalten. Wenn dä mich frachst, ich will andren Gopp.
Giesel
Na dass wär schee, wenn’s das gäbe. Da gönnde prakddisch ja e jeder kommen und sache, ich will e neuen Goppe (wie du jetzt), oder ich (Giesel), will e neues Been, oder einfach nur en neuen großen Zäh. Warde ma. Mir fällt da grad ei, also irchendewo habsch schon ma was darüber gehört oder gelesen? Vielleicht gelesen, in ene von de vielen Zeitschriften, dies so gibt. Ich allene hab ja schon och drei im Abo. Aber kann och beim Arzt gewesen sein. Da warsch am Mondach, wechen mei Bludhochdruck. Aber ma ehrlich Regine. Mir zwee leben im Kapitalismus und da gann es doch durchaus sein, das es irchendewo hier für dich en neunen Gopp zu kofen gibt. Schließlich verkofen die alles für Geld. Haste Geld kannste dir was kofen. Den Fall wärmer prüfen. S beste, gibst mir ma deine neue Delefonnummer. Warde ma kurz, ich brauch bloss e mal e Stifd. Da musssch in die Handdasche gucken, ja siehste, ich habeen eeinstecken. Nun sache ma an.
Regine
Ja, ja das is so gut, ehe wir das jeddse nu wieder vergessen. Warte klei. Muss doch och selbst erste mal ins Buch schauen, die neue Nummer habsch noch nich im Gopp. Ah hier, also passe of. Vorwahl, na die brauchsde zwar nich, ist die 0341 und de Nummer 34 56 789. Hasde die uffgeschrieben? Ich kannse och noch e ma sachen?
Giesel
Brauchst de nicht. De Nummer is ja och wirklich einfach.
Regine
Gut, wenn de mähnst. War doch aber ma schee, dass ma uns so rein sporadisch of de Straße gedroffen haben. Ach und sache, da delefonieren mir wo mal, oder kommste in den Garden oder besuchste mich ma? Aber das globsch, gönne mer am Delefon dakdisch-operadiv besprechen. Bis danne denn.
Giesel
Nu machs gut. Bis balde.
-A B G A N G-

Szene 2

Kaum ist Regine zu Hause angekommen, klingelt ihr Telefon und Giesel ist am anderen Ende der Leitung.
Giesel
Mache ma schnell das Radjo an. Hasten Unisender of 107 eingestellt?
Regine
Nee doch Giesel. Nun lass mich doch erste ma angommen, de Daschen abstellen, ich bin gerade rein.
Giesel
Na ehe du das findst, da sind die schon ferdsch mit ihrem Bericht. Aber höre dir das nachher ma an, die haben da gerade was Inderessandes gesacht in de Nachrischddn. Da lass uns doch späder noch ma delefonieren? Ich habe gleich och ne Adresse von der Neuropädiadrischen Abulanz, die in Lübeck...(Regine fällt Giesel ins Wort)
Regine
Was willsch denn in Lübeck? Also Giesel manche mal fragch mich.
Giesel
Nu lass mich doch erste ma ausreden. Also, de Lübecker habsch zuerst gefunden und dann noch Zwee Neurolochen in Leipzsch, die beeden fandch spannend, die sind in deiner Nähe. De gelben Seiten sind nadürlich voll mit de Ärzte und och de Neuolochen. Aber ich hab gedacht, da gönnsde, wenn de so ne Ambulanz häddest, doch och gleech Urlaub machen. Na und ich würde dich doch besuchen und och pflechen, wenn de das willst. Da biste nich aleene, bis der neue Gopp angewachsen is. Na findsde das nich schick?
Regine
Wieso erzählsde mir denn was vom neuen Gopp?
Giesel
Regine. In den Nachrischddn von dem Radjosender, den ich immer höre, hamse vorhin gebracht, das es ne neue europaweide Verordnung noch ab 06/2007 geben soll, staadlich verordnet, veranckert im Grundbuch, eine Art TÜV, für Körperdeele. Das musde selbst ma hören.
Regine
Wie gommse denn darauf? Gleich nach dem Rauchverbot? Da sinnse aber fix. Wieso erfahr’n mir das jeddse erst ? Hasde da schon mal was drüber gehört? Das ist doch spurlos an uns vorbeigerauscht. Giesel, ham die och gesacht, was de da mitbringen musst, um den eichnen Gopp zu tauschen? Oder kann mer da einfach hingehen? Vielleicht rufe ich erste mal die Gasse, na de Krankengasse an. Ist doch komisch, das die das heude morchen noch nicht wußden. Da sind de Gassen wo garnich staadlich? Oder ham die de Schweigepflicht? Giesel, blickst de da jeddse noch durch? S besde wird wohl sein, ich suche mir erste ma den Radjosender. Nu hamer doch fast widder ne halbe Stunde gequadscht und gleich laufen widder de Nachrischdden. Ich sache ma, Tschüss. Ich rufe dich dann ma an.
Giesel
Na klar, Regine, so mach mers. Bis denn.
-A B G A N G-

Szene 3

Regine will die Nachrichten hören. Sie sucht den Unisender 107 und stellt das Radio an. Die Nachrichten lassen noch auf sich warten. Sie kocht sich ein Kaffee und fängt an die Taschen auszupacken. Wirft sich ne Schmerztablette (neue Packung – hat sie vorhin am Connewitzer Kreuz, in der Apothekte, gekauft) ein. Ihre Migräne wird schlimmer. Sie dreht das Radio lauter , die Erkennungsmusik des Senders ist zu hören und eine männliche Stimme ertönt:
...Hier ist er wieder, euer Uniradiosender auf 107, wir haben es 16.30 Uhr und ihr hört die Nachrichten.
Wie erst heute morgen bekannt wurde, verabschiedete der Ministerrat des Europarates einen neuen Gesetzesentwurf. Eine Art TÜV, für menschliche Körperteile, die alt und verschlissen, oder jung und nicht mehr brauchbar sind. Jeder Bürger, der Mitglied eines EU-Staates ist, bekommt ab 2007, das ureigene Recht, verschlissene Körperteile, durch Neue zu ersetzen. Dies soll auf seiner jeweiligen Chip-Krankenkarte ausgewiesen werden. Europaweit haben wir so die Möglichkeit, uns weiter dem gläsernen Menschen anzunähern. Der Beschluss soll von Länderebene aufgegriffen werden. Erste Maßnahmen zum Inkrafttreten des neuen Paragraphen, § 999, Absatz 3, Sozialgesetzbuch, werden im Grundrecht des Menschen, verankert. Ab Juni 2007, sollen diese dann greifen.
UnserGesprächspartner vor Ort, Herr Osmen, traf sich kurzfristig mit dem Leipziger Oberbürgermeister, Herr Willi Gayer.
Osmen: Was bedeutet das Inkrafttreten des neuen Paragraphen, § 999, Absatz 3, für Sachsen?
OB: Für die einzelnen Länder bedeutet dies, ein Umdenken auf allen Ebenen, die Sondierung der eigenen Lage, ein ganzes Stück Aufbauarbeit und der verschärfte Blick, für neue Fördergelder. Die Schaffung neuer Arbeitsplätze werden wir anvisieren. Auch gibt es in naher Zukunft viele neue Baustellen, diesmal auf der menschlichen Seite. Ganz klar auf der Hand liegt auch die Umverteilung der Bevorzugten. Wir wollen dazu beitragen, Europaweit über die Notwendigkeit nachzudenken, gleiche Bürger zu schaffen. Die Chip-Karte jedes einzelnen Bürgers wird die gewünschten Informationen, jeder Zeit, an jedem Ort zur Verfügung stellen. Die Menschen werden ihrem Schöpfer nicht nur dankbar sein, sondern, diese Leute werden für uns bald eine leicht zu regierende breiige, schwammige Masse sein.
Osmen: Verzeihung, Herr Gayer, aber Sie schweifen gerade vom Thema.
OB: Ah natürlich, ich ließ mich jetzt allzu gerne von der Macht berauschen. Haben Sie schon mal ein Interview mit leerem Magen gegeben? Wo waren wir stehen geblieben?
Osmen: Wird die Chip-Karte also in Kürze eine sehr wichtige neue Rolle spielen? Sind all diese Veränderungen innerhalb der kurzen Zeit planbar, zulässig und machbar?
OB: Hier kann man ganz klar sagen, ja. Es wird eindeutig eine spezifisch in mehrere Klassen vom Staat getrennte und gelenkte Bereiche zu diesem Thema geben. Diese werden mit mehr oder weniger Aufmerksamkeit verfolgt werden. Ich denke, hier erstens an den staatlich verordneten TÜV für menschliche Körperteile und die Splittung aus 1 mach 3, in dieser ersten Kerngruppe. Aus 1 mach 3 ist sozusagen untergliedert in bestimmte Altersstufen, die am heutigen Tag noch nicht näher definiert werden können. Diese Gruppe wird besonders Arbeitnehmer, Studenten und gutbetuchte Rentner ansprechen. Die zweite Gruppe, wäre der private Luxus-TÜV , hierzu zählen Selbstversicherte, Unternehmer und begünstigte Dritte unklarer Genese, Stars- und Sternchen, Edelleute und demnächst Erbende. Jene Gruppe hier wird so zu sagen, durch eine bestimmte Personenzahl- und Herkunft bestimmt. Der Krankenkassenverwertungsanlagen-TÜV, ist die dritte und letzte erwähnenswerte Gruppe, die den Endverbraucher interessieren dürfte. In ihr aufgehoben, fühlen sich besonders Randgruppen, wie Langzeitarbeitlose, Demente- und Suchtkranke, u.v.a.m.
Osmen: Dies klingt mir aber jetzt sehr nach einer europaweiten Mehrklassengesellschaft und der Unterteilung in lebenswertes und lebensunwertes Leben. Wie will der einzelne Staat hier ein aufweichen der Grundgesetze verhindern? Sind dazu Maßnahmen getroffen?
OB: Nun natürlich sind hier grundsätzliche Maßnahmen eingeleitet wurden. Alles werde staatlich kontrolliert und abgeschätzt. Angefangen von Gremien, deren Aufgaben und Zielstellung noch nicht näher erläutert waren. Auf alle Fälle sollen Gremien der Überwachung der rechtmäßigen Verteilung der Zielgruppen dienen. Sie werden Ansprechpartner für den Bürger, Basispartner zur Krankenkasse und ein Reingewinn als Kommunikationszentrale für die einzelne Stadt sein. Außerdem werden staatliche Kontrolleure, mit eigener Hundestaffel, aktiv in den Städten zur Überprüfung und Aufdeckung von zu erwarteten Machenschaften und vermuteter Problemverstärkung auf dem beginnenden Schwarzmarkt eingesetzt. Überfällen und Menschenraub wird so im Vorfeld schnellstmöglich begegnet. So können sich die Bürger nun entspannen und gelassen der Dinge harren, die da kommen werden.

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